Psycho-Yuppie-Geschwister
* Links
Mein neues Blog
* Letztes Feedback
|
USA, VI
Hochzeitstag. Der Grund meiner Amerikareise. Der längste Tag. Er beginnt um 0500h, als mein Mobiltelephon klingelt. Es ist G., die anscheinend mit den Zeitzonen etwas durcheinander gekommen ist. Wir sprechen nur kurz, zu groß ist meine Angst, daß ein längeres Gespräch mit einer Frau das genreübliche Ableben innerhalb kürzester Zeit zur Folge haben könnte.
Ich sehe mich im Zimmer um. Immer noch kann ich meine Ralph-Lauren-Unterwäsche durch die Brandlöcher im Bettlaken sehen. Auf dem Weg zum Bad breitet sich eine Spur dreckiger Designerhemden aus: Passend, aber irgendwie auch wieder nicht. Ich erspähe ein Paar C&A-Socken und registriere jetzt erst wieder, daß ich das Zimmer nicht für mich allein habe. F. liegt neben mir, guckt mich leicht irritiert an. Nach einigen Stunden Geschnarche halte ich ihn nun durch Telephonieren vom Schlafen ab. Eine saudumme Idee, sich aus Kostengründen Hotelzimmer zu teilen.
Es ist 0800h, am Tag der Hochzeit. Bereits nach fünf Minuten im geliehenen Polyester-Cut beginne ich zu schwitzen. Immerhin: Er sitzt halbwegs passabel, so daß ich auf den Photos lediglich mit zerlaufenem Gesicht erscheinen werde.
Bis wir zur Kapelle fahren, wird es 1100h. Die Sitzordnung für die Abendveranstaltung scheint nun tatsächlich fertig zu sein, selbst R., die beste Freundin der Braut und in der letzten Woche (!) damit beschäftigt, Playlisten für den Teil des Abends aufzunehmen, der ohne Live-Musik auskommen muß, erscheint gelassen und ruhig.
Auch bei Hochzeiten dreht sich alles um Effizienz, daher warten wir kurz vor der Kirche, bis die Hochzeitsgruppe vor uns mit der Prozedur fertig ist, dann nehmen wir die uns zugedachte Aufstellung ein. Es erscheint mir irgendwie unangemessen, zum Anlaß einer Hochzeit in Formation stehen zu müssen. Aber genauso werden wir vom Pfarrer ausgerichtet. In strammer V-Formation. Mein leiser, vermutlich ausschließlich von mir selbst wahrgenommener Protest besteht darin, mich jedesmal militärisch korrekt in diese Reihe einzufügen und von der "Rührt Euch"-Stellung während der Prozedur keinen Milimeter abzuweichen.
Anschließend, währenddessen und vorher: Photos. Endlose Lächelorgien, die da von uns abverlangt werden. Mir gelingt es immerhin, auf knapp zehn Prozent davon nicht wie ein debiler Volldepp zu grinsen. Ich werde Abzüge bestellen müssen. Der US-S stolziert währenddessen gut gelaunt auf dem Gelände herum, lächelt freundlich in die Kameras, fast wie ein Profi. Kein Wunder: Sein Cut besteht aus Schurwolle und mein Neid kennt keine Grenzen.
Als sich die Chance ergibt, ins Hotel zu fahren, ohne unhöflich zu wirken, nutze ich sie. Mit einem äußerst lustigen Schweizer und F. setzen wir uns ab. Kommen dennoch recht spät an. Eine Dusche. Uhrzeit ist mir egal! Selbst ein mögliches Zuspätkommen zur Abendveranstaltung kann mich in diesem Moment nicht halten. Ich reiße mir das Plastikkleid vom Körper, stopfe es mit der Geringschätzung, die es verdient hat, in den Kleidersack zurück und beginne mit einer sehr ausführlichen Körperreinigung, inklusive Rasur, Eindecken mit Crémes und Lotionen und Parfumieren.
Dann schlüpfe ich in meinen mitgebrachten Hugo-Boss-Smoking. Endlich Schurwolle am Körper. Mit dem Binden der Fliege verbringe ich eine vor allem für den Fahrer höchst vergnügliche halbe Stunde. In der Hotellobby. Sie sitzt ordentlich, aber gerade unordentlich genug, daß man sofort die Handarbeit erkennen kann.
So gerüstet kann ich nun auch auf die lang erwartete Abendveranstaltung gehen. Der Blick in den Spiegel wird extra-kritisch: Schließlich sitze ich neben J.
|
|
|
|