Psycho-Yuppie-Geschwister

 

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Abendentspannung in Hamburg

Gestern war dann der Tag, an dem ich mich endgültig dem Irrsinn ergab. Es begann schon am frühen Morgen, als ich bemerkte, wie absolut notwendig es war, gerade jetzt die zwitschernden Vögel vor meinem Fenster mit einem .308er Gasdrucklader zum Schweigen zu bringen. Nein, Stimmen in meinem Kopf hörte ich keine, aber der Zeigefinger meiner linken Hand pulsierte weniger unangenehm, wenn ich seinem Verlangen nachgab.

Wenn man erst einmal beschlossen hat, mit dem gesellschaftlichen Leben abzuschließen, ergibt sich der Rest sozusagen von ganz alleine. Beispielsweise die Frage nach der Kleidung: Natürlich ist davon auszugehen, daß man den Tag nicht mehr komplett wird genießen können. Alle Ratgeber, die einem zu festem Schuhwerk und bequemen Klamotten raten, sind daher völlig sinnlos. Man sollte sich dem Anlaß entsprechend großartig kleiden. Ein Smoking, wenn man erst am Abend beginnen möchte, wer weiß, vielleicht hat man ja noch einen Kater vom Vortag, ansonsten einen der Jahreszeit angemessenen Anzug. Oder, wenn man es etwas verspielter haben möchte, durchaus auch einen Cut. Die Ironie, daß jener ansonsten nur noch auf Hochzeiten getragen wird, gibt dem Ganzen eine zusätzliche Note, die sozusagen das I-Tüpfelchen darstellen kann.

Bei der Ausrüstung ansonsten ist natürlich darauf zu achten, daß man sich mit den Geräten auskennt. Nichts ist peinlicher, als inmitten einer Horder lärmender Kleinkinder zu stehen, und nicht zu wissen, wie man nun den Flammenwerfer zündet. Also: Manchmal ist es eben doch einfacher, sich das gute G3 zu besorgen, mit dem man schon bei der Bundeswehr gelernt hat, effizient umzugehen. Oder, falls das zu schwer zu bekommen sein sollte, eben die zivile Version HK SL7. Wie in meinem Fall. Reicht ja auch aus, so ein Halbautomat, dachte ich mir.

Es sollte ja nun ein besonderer Anlaß werden, daher nahm ich den neuen Zegna-Smoking. Ich ärgerte mich ein wenig über die Wahl, weil es mich schon wieder eine geschlagene halbe Stunde kostete, den Knoten halbwegs passabel aussehen zu lassen. Auf Lackschuhe verzichtete ich, auch wenn ich durchaus der Meinung bin, daß man diesen leichten Stilbruch in der heutigen Zeit, in der ja niemand mehr Frack trägt, verzeihen kann. Die glattpolierten, pferdeledernen von Lotusse komplettieren das Bild so etwas dezenter.

G. ist arbeiten. Ein wenig beruhigend, ich hätte mir doch arge Vorwürfe gemacht. Auf der Straße unter dem Balkon erblicke ich eine Gruppe betrunkener Teenager. Zwei debil grinsende Jungs, die um ein lärmendes Mädel herumbalzen, als gäbe es kein Morgen. Und so wird es auch sein. Die Schüsse sind laut. Viel lauter, so in der Stille des Abends, als ich sie in Erinnerung hatte. Ich bin gnädig: Das Mädel stirbt zuerst. Da sie noch nicht vorgewarnt ist, kann ich ihr durch den Kopf schießen. Bevor der Schmerz das Gehirn erreicht hat, ist jenes bereits funktionsunfähig, da es von der Scheibe des hinter ihr im absoluten Halteverbot parkenden Golfs klebt. Die beiden Jungs sind zu betrunken, um sinnvoll zu reagieren. „Lauf nach links,” brülle ich ihnen zu, „nein rechts! Rechts!”
Sie tun es. Aber nicht lang. Zwei Schuß später liegen sie am Straßenrand, halten sich ihre Bäuche. Noch habe ich gute Laune, der Abend läßt sich gut an. Also erhalten sie jeweils noch einen Schuß in den Kopf. Jetzt, wo sie sich ein wenig beruhigt haben und nicht mehr so zappelig hin- und herrennen, geht das ja wieder.

Dann fahre ich ein paar Meter. Es bringt ja nichts, immer nur in Ottensen zu sein. Man muß ja eine Stadt wie Hamburg auch mal wirklich erkunden. Immer gut gefallen hat mir ja der Bereich um die Landungsbrücken. Vielleicht kann ich ja mal ein bißchen Leben -höhö- ins Pupasch bringen. Denn dort ist es eben so, wie es immer ist. Öde. Schlechte Musik prallt an dicken Kindern vom Land ab, wird zwischen den aufgedunsenen Leibern hin- und hergeworfen, bevor sie schließlich, unendlich verzerrt an mein Ohr dringt. Ein paar Friseusen mittleren Alters, grell geschminkt, die Hosen so, als wären sie noch 20. Ein abgewrackter Geschäftsmann klammert sich an sein Glas Whisky-Cola und die Illusion andauernder Jugend und Lockerheit. Er ist mit Abstand die traurigste Gestalt hier, in seinem ehemals teuren, jetzt aber schäbig anmutenden Anzug, bei dem die Hose von seinem Bauchansatz bereits am Bund umgekrempelt wird. Die Krawatte hängt lose vom Hals herab, also probiere ich, ob ich sie so treffen kann, daß sie einfach herunterfällt. Es klappt nicht. Dafür ergießt sich all das, was in seinem Hals war, in den Ausschnitt der Friseurin. Ich halte diese bedrückende Stimmung nicht länger aus. Ein paar Schritte an der frischen Luft vielleicht? Das Hamburger Leben kann sich ja schlecht auf eine drittklassige Kneipe an den Landungsbrücken beschränken!

Also auf ins Szeneleben! Die bessergestellten Menschen werden mich schon auf andere Gedanken bringen. Erstmal ins Cius, da war ich schon so lange nicht mehr. Aber ich weiß, daß dazu ein korrekter Auftritt gehört. Also Schuhe putzen, Hirnreste vom Sakko entfernen. Schließlich gäbe es nichts peinlicheres, als an diesem, so speziellen Abend, von einem Türsteher abgewiesen zu werden. Das könnte mir tatsächlich die Laune verderben. Aber der Türsteher nickt gefällig, als er meines Smokings gewahr wird. Ich danke ihm, stecke ihm einen großen Schein zu, mit der Bitte, sich doch mal nach Kokain umzuhören. Welch ein Spaß! Als er sich zu mir umdreht, mich mit erst empörtem, dann entsetzen Gesichtsasdruck ansieht, schieße ich ihm von unten durch die Nase. Zugegebenermaßen ging der Witz auf seine Kosten.

Im Cius sieht man die üblichen, gelangweilten Menschen. Früher waren hier ja mal Jungmanager, die sich nach der Arbeit bei Alkohol, Mädchen und Drogen entspannten, damit kannte ich mich aus, aber heute sind es vor allem die Erben. Echte Yuppies gibt es ja sowieso nicht mehr, diese Kultur war ja nur eine ganz kurze Modeerscheinung, die auf dem Höhepunkt ihrer Bekanntheit schon lange verebbt war.

Die Erben hier sind gelangweilt von ihrem Geld, das ist deutlich zu sehen. Gelangweilt vom immergleichen Ritus mit ihren Mädels, für die sie letztlich nicht mehr sind als eine Kreditkarte auf zwei Beinen. Der Paarungsvorgang hatte vermutlich auch schon seinen Reiz verloren, ebenso alle Arten von Beziehungskonstellationen: Es ist nicht viel los mit dem Pack. Es mag Ihnen merkwürdig vorkommen, aber tatsächlich nehme ich ersteinmal diese ganzen Parasiten-Tussies vor, vielleicht, um der Erbenrunde wenigstens einmal einen echten Kick zu verpassen. Und tatsächlich guckt mich einer von ihnen an, zwinkert mit den Augen. Er versteht. Er grinst immer noch, als ihn ein Querschläger trifft, direkt neben der Nase.

Aber dann wird es doch etwas spät für mich, schließlich muß ich am nächsten Tag noch arbeiten. Das sollte ich dringen bald mal wieder machen.
24.7.07 13:02
 



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