Ich und öffentlich vorlesen? Natürlich. Kein Problem, schließlich mache ich ja ständig irgendwelche Präsentationen. Auch vor größerem Publikum. Kann ja nicht so schwer sein, ein paar Texte vorzulesen.
Realitätscheck:
Es ist 1800h, Sonnabend. Ich habe zwei Bier hinter mir, gefühlte drei Packungen Zigaretten und fühle mich scheiße. Nervös. Untalentiert. Aufgeregt. Nicht hier her gehörend.
Kurz vorher:
Ich finde nach einigem Suchen den Eingang zum Veranstaltungsort. Jangstaa ist dabei. Sie muß mich moralisch unterstützen. Pat Bateman wurde in letzter Sekunde verhindert, obwohl wir immerhin schon am Tag vorher
Phil getroffen hatten, um wenigstens das Gerücht zu zerstreuen, wir seien ein und dieselbe Person. Geht auch nicht, schließlich ist er ein bis zwei Köpfe größer als ich.
Ich gehe eine Feuertreppe hoch, die Chromaxt als Erkennungszeichen locker über die Schulter gehängt. Mich starren einige Menschen an - sie können mich erkennen, aber ich nicht sofort jeden von ihnen. Natürlich, Phil habe ich schon gesehen.
Julia sieht nur leicht anders aus als in ihrem Blog. Ihre Stimme verrät sie jedenfalls sofort. Oberösterreichisch, nicht wienerisch, wie ich belehrt werde. Jedenfalls ein wunderbarer Dialekt.
Adam - nun ja, vor allem erkennbar, weil er mich mit „Hömma“ begrüßt. Und mir sofort ein - jawoll - C&A-Karosakko in die Hand drückt, was mich fast den Tränen nahebringt.
Das
Turnschuhmädel ist schwieriger zu identifizieren. Hätte man mir vorher den Tip gegeben, nach einem wunderschön mit Locken umrahmten Gesicht zu gucken, aus dessen Mund eine angenehm (und manchmal) rauchige Stimme kommt - nun, es wäre einfacher gewesen, als allen Mädchen auf die Schuhe zu gucken, nur um festzustellen, daß sie alle Turnschuhe tragen.
Frau K. ist auch schwer zu erkennen, schließlich trägt sie in Form einer monströs großen Kamera einen Panzer vor sich her, hinter dem sie sich problemlos verstecken kann. Warum das aber eine gute Idee ist, erkenne ich schnell, als ich zum ersten Mal bewußt ihre Photos sehe. Wirklich großartige Aufnahmen, vor allem bei den düsteren Bildern.
Sir Parker - gut, er ist natürlich genauso, wie er sich im Blog gibt. Und damit äußerst lustig und sympathisch. Ich helfe ihm, eine (Billig-)Krawatte zu binden, deren rot zwar recht gut zum schwarzen Hemd paßt, aber natürlich zu Jeans abzulehnen ist. Da er im Sitzen liest, erfülle ich ihm dennoch seinen Wunsch. Es sind noch weitere Menschen anwesend, unter anderem ein Ex-Blogger, der partout seinen Blognamen nicht preisgeben möchte, der aber ansonsten sehr dazu beiträgt, meine Laune zu heben: Trocken, sarkastisch, klasse. Und
Nessy, mit der ich mich aber nicht unterhalte. Es ergibt sich einfach nicht. Vielleicht deswegen, weil ich ständig im Raucherbereich bin? Nach dem Lesen ihrer Texte bedauere ich das.
Und dann ist da noch diese junge Dame, auf deren Namen ich nicht mehr komme, die es aber zu einem perfekten Moment (kurz vorm Lesen) versteht, mich mit einem einzigen Satz zu beruhigen. Danke!
Ich selbst beschließe, mich als
German Psycho zu geben. Nicht als normaler Mensch. Also trage ich einen mittelgrauen Armani-Anzug, ein weißes Sea-Island-Hemd von Charles T., eine schwarze Gucci-Krawatte, einen bordeauxfarbenen Lehndorff-Gürtel sowie ein Paar Cordovan-Schuhe von Lotusse. Es ist ein guter Aufzug, der durch die Chromaxt und die Oakley-Sonnebrille vervollkommnet wird. Natürlich rede ich unheimlich viel Unsinn, so wie ich das eben immer tue, wenn ich nervös bin. Aber letztlich ist das ziemlich egal - es scheint jedem so zu gehen.
Die Lesung verläuft gut. Wirklich gut. Die Texte sind allesamt hervorragend, wenn auch Julia aus unserer Menge hervorsticht.
Habe ich es gerne getan? Ich glaube schon. Das einzige, was verbesserugnswürdig wäre:
1. Mehr Antiallergietabletten einwerfen. Zugequollene Augen sind nur dann cool, wenn sie von einem Vollrausch herrühren.
2. Länger da bleiben. Ad, mit Ihnen hätte ich mich zu gerne noch vollaufen lassen. Sie sind in der Tat so cool, wie ich sie mir vorgestellt habe.
3. G. mitbringen. Auch, wenn das vielleicht zu Komplikationen führen könnte. „Was hast Du da vor drei Jahren über mich geschrieben?“